Die Schmetterlinge
Einleitung und Überblick
Die Schmetterlinge waren eine der bedeutendsten politischen Musikgruppen Österreichs: eine Folk‑, Chanson- und Politrock‑Band, die Ende der 1960er Jahre in Wien entstand. Sie verbanden anspruchsvolle, meist linkspolitische Texte mit experimentierfreudiger Musik und wurden vor allem durch das Großwerk „Proletenpassion“ und ihren Auftritt beim Eurovision Song Contest 1977 mit „Boom Boom Boomerang“ bekannt.
Biografie und Geschichte
Die Schmetterlinge wurden 1969 in Wien gegründet und waren vor allem in den 1970er und frühen 1980er Jahren aktiv. Die Texte stammten großteils vom Schriftsteller Heinz Rudolf Unger, der mit der Band ein künstlerisches Projekt verfolgte, das Musik, Theater, Geschichte und Politik eng miteinander verschränkte.
Die Gruppe trat bei Festivals, politischen Veranstaltungen, Theatern und Rundfunkproduktionen auf. Mit der „Proletenpassion“ wurden sie zu einem Fixpunkt der linken Kulturszene in Österreich und der BRD und blieben bis weit über das eigentliche Bandende hinaus als Referenz für politisches Musiktheater präsent.
Gründungsjahr und Herkunft
Gründungsjahr der Schmetterlinge ist 1969, Gründungsort Wien. Die Band entwickelte sich im Umfeld der Studentenbewegung, der alternativen Kulturszene und eines neuen, politisierten Chanson‑ und Rockverständnisses in Österreich.
Musikstil und Einflüsse
Stilistisch bewegten sich die Schmetterlinge zwischen Folk, Chanson, Rock, Politrock und Liedtheater. Typisch waren mehrstimmiger Gesang, akustische und elektrische Instrumentierung, eingestreute Volkslied‑Elemente und Theater‑Szenen sowie komplex arrangierte Konzeptwerke.
Inhaltlich und formal standen sie in der Tradition politischer Liedermacher, der internationalen Protestbewegung, aber auch des literarischen Kabaretts und der Arbeiterlied‑Tradition. Gleichzeitig bezogen sie Einflüsse aus Rock, Jazz und zeitgenössischer Kunstmusik in ihre Projekte ein, besonders in der „Proletenpassion“ und der LP „Herbstreise“.
Diskografie
- Tschotscholossa (Single, frühe 1970er; einer ihrer bekanntesten frühen Songs).
- Leutgeb (frühe LP, Folk‑/Chanson‑Phase).
- Proletenpassion (1977, Triple‑LP; politisches Oratorium zur Geschichte sozialrevolutionärer Bewegungen).
- Herbstreise (1979; politisch wohl „schärfste“ und musikalisch sehr ausgefeilte LP, Bezug auf „Deutschen Herbst“ und BRD‑Themen).
- Verdrängte Jahre (1980er; Auseinandersetzung mit verdrängten Aspekten der Geschichte, u. a. Nationalsozialismus).
- Diverse Singles und Live‑Mitschnitte (darunter Boom Boom Boomerang als ESC‑Titel).
Diskografie‑/Chart‑Übersicht:
Schmetterlinge – Diskografie auf austriancharts.at
„Boom Boom Boomerang“ auf Spotify
Biografie & Releases auf Last.fm
Albenübersicht – Krautrock Musikzirkus
Bandmitglieder und Besetzung
Die Besetzung änderte sich im Lauf der Jahre, einige Namen blieben prägend:
- Willi Resetarits – Gesang, Percussion (später als „Ostbahn Kurti“ bekannt).
- Georg „Schurli“ Herrnstadt – Gitarre, Gesang, Komposition.
- Fredi Rubatschek – Gitarre, Gesang (frühe Phase).
- Erich Meixner – Gitarre/Bass, Gesang.
- Herbert Zöchling‑Tampier – Multiinstrumentalist (u. a. Bläser, Streicher, Arrangements).
- Pippa Armstrong – Gesang (englische Sängerin, frühe 1970er‑Phase).
- Beatrix Neundlinger – Gesang (ab Mitte der 1970er die prägende weibliche Stimme, später zahlreiche Folgeprojekte).
Bei Projekten wie der „Proletenpassion“ wirkten zusätzlich Gastmusiker:innen und Sprecher:innen mit, die das oratorische, szenische Format mittrugen.
Texte und Themen
Die Texte – großteils von Heinz Rudolf Unger – behandeln Geschichte der Arbeiter‑ und Revolutionsbewegungen, Klassenkampf, Faschismus, Widerstand, Emanzipation, Anti‑Atom‑Bewegung, RAF‑Debatte, Radikalenerlass, NS‑Kontinuitäten sowie Alltagserfahrungen der „kleinen Leute“. In der „Proletenpassion“ werden Bauernkriege, Pariser Kommune, Oktoberrevolution, antifaschistischer Widerstand und Nachkriegsgesellschaften in einem großen historischen Bogen erzählt.
„Herbstreise“ thematisiert explizit die Atmosphäre des „Deutschen Herbstes“, Denunziation, politische Repression und den Kampf um eine andere Gesellschaft. Die Texte sind oft literarisch, mit vielen Bezügen zu Lyrik und politischer Theorie, bleiben aber durch Figuren und Szenen auch emotional zugänglich.
Live‑Auftritte und Tourneen
Die Schmetterlinge traten auf zahlreichen Festivals, im Rahmen der Wiener Festwochen und bei politischen Veranstaltungen im In- und Ausland auf. 1976 wurde die „Proletenpassion“ als szenische Theaterfassung bei den Wiener Festwochen uraufgeführt; später gab es Tourneen mit konzertanten Fassungen durch Österreich, die BRD und Berlin‑West.
Die Band war außerdem beim „Festival des Politischen Liedes“ in der DDR vertreten und spielte in Theatern, Gewerkschaftshäusern, Kulturzentren und auf alternativen Festivals. Auch nach der eigentlichen Bandzeit wurden Teile der „Proletenpassion“ in verschiedenen Formationen immer wieder live aufgeführt.
Auszeichnungen und Erfolge
International bekannt wurden die Schmetterlinge 1977 durch ihren Auftritt beim Eurovision Song Contest in London mit „Boom Boom Boomerang“. Das satirische Lied kritisierte mit lautlich verspieltem Text die Plattenindustrie und landete zwar nur auf dem vorletzten Platz, wurde aber zu einem der ungewöhnlichsten ESC‑Beiträge Österreichs.
„Proletenpassion“ erlangte Kultstatus in der politischen Kultur- und Musikszene und gilt bis heute als eines der ambitioniertesten Werke politischen Musiktheaters im deutschsprachigen Raum. Zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten und Wiederaufführungen belegen die anhaltende Wirkung des Werks.
Kulturelle Bedeutung und Einfluss
Die Schmetterlinge sind ein Schlüsselprojekt des österreichischen Politrock und haben gezeigt, wie weit man inhaltlich und formal im Rahmen populärer Musik gehen kann, ohne den Kontakt zum Publikum zu verlieren. Mit der Verbindung von Lied, Rock, Oratorium und szenischem Theater setzten sie Maßstäbe für politisch engagierte Musikprojekte.
Ihr Stil beeinflusste weitere Politrock‑Gruppen und Projekte, etwa die Gruppe Oktober mit „Die Pariser Commune“, und prägt bis heute Diskussionen über politische Kunst. Einzelne Mitglieder – allen voran Willi Resetarits und Beatrix Neundlinger – wurden später selbst zu prägenden Figuren der österreichischen Musik‑ und Kulturszene.
Trivia und interessante Fakten
- Beim ESC 1977 war „Boom Boom Boomerang“ eine bewusste Satire auf Schlager‑ und Pop‑Industrie; Autor des Textes war Lukas Resetarits.
- Einige Bandmitglieder reisten 1977 organisiert nach Albanien, um sich selbst ein Bild vom damaligen sozialistischen System zu machen.
- „Herbstreise“ wird häufig als „Soundtrack des Deutschen Herbstes“ bezeichnet, weil es die politische Stimmung Ende der 1970er in der BRD reflektiert.
- Ab Mitte der 1980er widmeten sich ehemalige Schmetterlinge verstärkt dem Kinder‑ und Jugendtheater („Schmetterlinge Kindertheater“).
Aussagen und Spruch‑Charakter
Statt plakativer Slogans operierten die Schmetterlinge mit poetisch‑politischen Textzeilen, ironischer Brechung und erzählerischen Szenen. Leitidee war dabei, Geschichte „von unten“ zu erzählen und politisches Engagement als Lernprozess und kollektive Erfahrung zu begreifen.
Die „Proletenpassion“ endet nicht mit einfacher Hoffnung, sondern mit der Aufforderung, im „Vorwärtsgehen“ zu lernen – ein Gedanke, der in vielen Interpretationen als Essenz ihres politischen Selbstverständnisses gedeutet wird.
Medien und Rezeption
Zeitgenössisch wurden die Schmetterlinge sowohl enthusiastisch gefeiert als auch kritisch diskutiert – ihre Auftritte waren oft intensive, emotional aufgeladene Ereignisse. Medien und Kulturkritik sahen in ihnen eine der konsequentesten politischen Bands im deutschsprachigen Raum.
Heute werden sie in Radiofeatures, Zeitungsartikeln, wissenschaftlichen Publikationen und Dokumentationen immer wieder als Referenzgruppe für politische Musik genannt. Rundfunksender wie Ö1 widmen ihnen eigene Beiträge und beleuchten insbesondere die „Proletenpassion“ als kulturhistorisches Dokument.
Diskografie und Werke im Überblick
- Alben (Auswahl):
- Leutgeb (frühe Folk‑/Chansonphase)
- Proletenpassion (1977, Triple‑LP)
- Herbstreise (1979)
- Verdrängte Jahre (1980er)
- Singles (Auswahl):
- „Tschotscholossa“
- „Boom Boom Boomerang“ (ESC‑Beitrag 1977)
- Spätere Projekte / Wiederaufnahmen:
- „Das Beste aus der Proletenpassion“ – Konzertprogramme mit ehemaligen Mitgliedern (z. B. Beatrix Neundlinger, Georg Herrnstadt).
Weitere Werk‑Infos:
Wikipedia – Schmetterlinge (Band)
Wikipedia – Proletenpassion
Österreichisches Musiklexikon – Die Schmetterlinge
TV‑Sendungen, Videos, Radiobeiträge, Konzertaufnahmen
- Früher ORF‑Auftritt „Tschotscholossa“: Schmetterlinge – Tschotscholossa (ORF „Spotlight“, 1972)
- „Tschotscholossa“ (Audio, Austropop 1971): Schmetterlinge – Tschotscholossa
- „Boom Boom Boomerang“ (ESC‑Titel, verschiedene Uploads): YouTube‑Suche „Boom Boom Boomerang Schmetterlinge“
- Radio/Feature: Ö1‑Beitrag „Schmetterlinge“
- Live‑Programme zu „Das Beste aus der Proletenpassion“: MuTh – Das Beste aus der Proletenpassion
Treibhaus Innsbruck – Proletenpassion Programm
Weblink
Zentrale Info‑Quellen (da keine aktive offizielle Website der Band existiert):
- Schmetterlinge – Wikipedia
- Wien Geschichte Wiki – Schmetterlinge (Musikgruppe)
- SRA – Schmetterlinge, Die (Bandarchiv)
Links zu Suche, Social Media & Plattformen
- YouTube: Suche „Schmetterlinge Band“ auf YouTube
- Spotify: Schmetterlinge auf Spotify (Suche)
- Apple Music: Schmetterlinge auf Apple Music (Suche)
- SoundCloud: Suche „Schmetterlinge Proletenpassion“ auf SoundCloud
- Bandcamp: Suche „Schmetterlinge“ auf Bandcamp
- Google Websuche: Google‑Suche „Schmetterlinge Band Proletenpassion“
- Google Bilder: Google‑Bildersuche „Schmetterlinge Band“